Orientierung und Mobilität lernen

Der Neubau ermöglicht Orientierung und Mobilität im Schulalltag. Für blinde Kinder und Jugendliche bedeutet das neue Schulgebäude eine große Herausforderung – und die Chance, Raumorientierung und Selbstständigkeit Schritt für Schritt zu erlernen.

Räumliche Orientierung lernen

Der Umzug in unser neues Schulgebäude für das Betty-Hirsch-Schulzentrum war für alle Schülerinnen und Schüler ein Abenteuer und ein ganz besonderes Erlebnis für die blinden Kinder und Jugendlichen. Dieses große, neue Haus zu erarbeiten war für ihre Orientierung und Mobilität (O&M) eine große Herausforderung und Aufgabe. Es gab einiges zu lernen und dabei vieles zu entdecken. Das Ziel war die größtmögliche Selbstständigkeit der Schülerinnen und Schüler, damit sie die Wege in ihre Klassenzimmer und zu Fachräumen, in die Sporthalle, in die Pause und zur Toilette eigenständig finden können. Um dies zu erreichen, wurden die einzelnen Stockwerke nach und nach erarbeitet, damit zum Schluss ein komplexer räumlicher Plan vom ganzen Gebäude und später vom gesamten Campus im Kopf der Schülerinnen und Schüler entsteht. Die neuen Wege sollten also nicht wie eine „Perlenschnur“ erlernt werden, denn das hätte bedeutet, dass nur aneinandergereihte markante Punkte auswendig gelernt worden wären. Dazu ein Beispiel: Wenn ein Schüler den Weg zur Toilette in einer „Perlenschnur“ lernt, dann geht er an den Wänden entlang, zählt Türen und Abbiegungen und orientiert sich tastend mit der Hand und dem Langstock. Bei dieser Art vom Erlernen von Wegen findet wenig räumliche Orientierung statt, und es entsteht ein Problem, wenn ich beispielsweise in einem andere Klassenzimmer Unterricht habe und meine „Perlenschnur“ nicht vorhanden ist. 

Akustische Orientierung im Schulgebäude

Wir Rehafachkräfte erarbeiten in individuellen O&M Schulungen und in Kleingruppen mit den blinden Schülerinnen und Schülern das Schulgebäude. Dabei legen wir besonderen Wert auf die akustische Orientierung. Unser strukturierter Neubau, mit seiner klaren, rechtwinkeligen Struktur, bietet dafür sehr gute Voraussetzungen, um durch Echolokalisation die Raum- und Gebäudestrukturen zu analysieren. 

Durch das Nutzen und aktive Einsetzen von Geräuschen können Schülerinnen und Schüler mit dem entstehenden Schall die räumliche Struktur der Umgebung erfassen. Der große Nutzen liegt darin, dass sie nicht mit einem Langstock an der Wand entlanggehen müssen, sondern den nächsten Gang durch Hören erkennen und dort gezielt abbiegen können. Ebenfalls ist es möglich, die kleinen Toiletten- und Treppenhausgänge akustisch von den langen Klassenzimmergängen zu unterscheiden. Es sind „O&M Glückmomente“, wenn eine Schülerin strahlend versteht, dass es im Neubau Stockwerke gibt, in denen sie einen Rundgang machen kann und diese Struktur auf das Erdgeschoss und auf das erste und zweite Stockwerk übertragbar ist. Es sind diese Erfolgserlebnisse, die blinde Menschen stark machen und herausholen aus der Abhängigkeit, begleitet zu werden. Die Schülerin erlebt Orientierung in einer anderen Dimension, wenn sie erkannt hat, dass es egal ist, ob sie nach rechts oder links läuft, dass sie zwei Treppenhäuser zur Verfügung hat. Dann rennen die Jüngeren los und nutzen die Rundgänge zum Spielen, und die Älteren haben die Möglichkeit, in der Pause selbstständig loszugehen, um eine Freundin in einer anderen Klasse zu besuchen oder zwischen mehreren Pausenplätzen auszuwählen. 

Selbstständig unterwegs im Schulalltag

Durch das Nutzen und aktive Einsetzen von Geräuschen können Schülerinnen und Schüler mit dem entstehenden Schall die räumliche Struktur der Umgebung erfassen. Der große Nutzen liegt darin, dass sie nicht mit einem Langstock an der Wand entlanggehen müssen, sondern den nächsten Gang durch Hören erkennen und dort gezielt abbiegen können. Ebenfalls ist es möglich, die kleinen Toiletten- und Treppenhausgänge akustisch von den langen Klassenzimmergängen zu unterscheiden. Es sind „O&M Glückmomente“, wenn eine Schülerin strahlend versteht, dass es im Neubau Stockwerke gibt, in denen sie einen Rundgang machen kann und diese Struktur auf das Erdgeschoss und auf das erste und zweite Stockwerk übertragbar ist. Es sind diese Erfolgserlebnisse, die blinde Menschen stark machen und herausholen aus der Abhängigkeit, begleitet zu werden. Die Schülerin erlebt Orientierung in einer anderen Dimension, wenn sie erkannt hat, dass es egal ist, ob sie nach rechts oder links läuft, dass sie zwei Treppenhäuser zur Verfügung hat. Dann rennen die Jüngeren los und nutzen die Rundgänge zum Spielen, und die Älteren haben die Möglichkeit, in der Pause selbstständig loszugehen, um eine Freundin in einer anderen Klasse zu besuchen oder zwischen mehreren Pausenplätzen auszuwählen. 

Orientierung auf dem Schulhof und zwischen Gebäuden

Vom Schulhaus zur Kantine Noch ein konkretes Beispiel aus unserem Schulalltag: Ein Schüler aus der Sekundarstufe muss zum Mittagessen in die Kantine in ein anderes Gebäude. Er möchte diesen Weg auch alleine und unabhängig gehen können und hat gelernt, den Schulhof zu überqueren. Er nutzt die Akustik zwischen den Gebäuden und kennt ihre Anordnung. So kann er frei gehen und muss sich nicht an der Wand entlangtasten, das wäre umständlich und ein längerer Weg. Gleichfalls nutzt er das Prinzip der Orientierung nach Uhrzeiten und biegt dann, wenn sich der enge Innenhof öffnet, der Vorstellung nach auf „zwei Uhr“ ab, um zur Eingangstüre zu kommen. Auch für die Orientierung im Außengelände ist die akustische Orientierung super hilfreich. Sie ermöglicht, dass viele Schülerinnen und Schüler gleichzeitig auf den Pausenhof kommen. Würden sie alle in einer „Perlenschnur“ und an der Wand entlanglaufen, dann entstünden Staus, und Stürze über Langstöcke wären vorprogrammiert. Die Bilder rechts oben zeigen: Der Schüler hört das Ende des Gebäudes und erkennt, dass sich hier der freie Platz zum Spielplatz öffnet. Das Aufmerksamkeitsfeld nutzt er, um auf den weichen Belag des Pausenhofes zu kommen. Außerdem hat der Schüler sofort gehört, dass über dem Pausenplatz an der Schaukel ein Dach ist. Um welche Art von Dach es sich handelt und wie hoch es ist, das kann er mit seinem Langstock erfassen und ist um eine Erfahrung reicher geworden: Es gibt Dächer, die sind aus Stoff.

Was sich im Alltag verändert

Wir erleben jeden Tag, wie notwendig, nützlich und hilfreich die selbstständig gegangenen Wege für unsere Schülerinnen und Schüler sind. So entsteht Sicherheit, Selbstbewusstsein, Unabhängigkeit und Zutrauen in die eigene Kompetenz. Angst reduziert sich und wird in mutiges Unterwegssein umgewandelt. Denken wir an die Zukunft, dann ist das die Basis für ein Leben in größtmöglicher Selbstbestimmung. Die zusätzlich nötige Unterstützung der Schülerinnen und Schüler und Erarbeitung der Konzepte durch die Rehafachkräfte im Bereich O&M wurden möglich durch die Unterstützung der Gerhard und Paul-Hermann Bauder Stiftung.
 

Einrichtung:
Betty-Hirsch-Schulzentrum