Der Kleine-Welt-Raum

Die Welt behutsam entdecken
Ein Kind erlebt seine Welt über seine Sinne. Es experimentiert, erkundet und erschafft kleine Welten, die ihm gehören. Die Förderung der sensorische Wahrnehmung spielt dabei eine zentrale Rolle für die Entwicklung von Raumorientierung. Dadurch kommt es zur Erkenntnis, Teil einer ihm umgebenden Welt zu sein. Das Kind erfährt sich als „Selbst“, indem es erlebt, von Personen und Gegenständen dieser Welt getrennt zu sein. Es ist dem Menschen ein Bedürfnis, kleine Räume zu haben und sich mit diesen zu beschäftigen. Die Integration des visuellen, auditiven und kinästhetischen Sinnes (Auge-Hand-Koordination, Gegenstände/Personen mit dem Blick verfolgen, sich zu ihnen zu drehen) ist für die Entwicklung des Wissens über räumliche Beziehungen sehr wichtig. Dabei wird das Wissen über räumliche Beziehungen aus einer langen Kette an Erfahrungen gebildet, bei denen Gegenstände und Erfahrungen von großer Bedeutung sind. Der Erfahrungs- raum greift diese Erkenntnis auf und kann nicht nur bei Kindern mit Blindheit, sondern auch bei solchen mit Sehbehinderung und vor allem bei Menschen mit Mehrfachbeeinträchtigungen jeden Alters eingesetzt werden.
Erfahrungen, die Selbstständigkeit ermöglichen
In der Frühförderung für Kinder mit Sehbeeinträchtigung beobachte ich gemeinsam mit ihrer Mutter, wie die kleine Lisa, die von Geburt an blind ist, zunächst den kleinen Raum von außen erkundet. Über das Ertasten der Außenseite der Wände nähert sie sich dem Inneren des Häuschens, krabbelt hinein, setzt sich und beschäftigt sich dann mit den Wänden und den aufgehängten Gegenständen. Währenddessen lautiert das kleine Mädchen immer wieder und lauscht, wie sich ihre Lautäußerungen verändern, durch die veränderte Akustik im Raum, anhören. Über das Tasten und Hören erschließt sie sich Schritt für Schritt ihre Umgebung – ein wichtiger Teil der Raumorientierung.
Unsere Tochter Luisa hat noch einen sehr kleinen Bewegungsradius und sieht (wohl) nur Hell-Dunkel. Das wunderschöne kleine Häuschen ist ihre perfekte Spielumgebung und sie hat sich darin auf Anhieb pudelwohl gefühlt. Wir finden es großartig, dass die Nikolauspflege so engagiert ist, solch tolle und ästhetische Hilfsmittel kreiert und zur Verfügung stellt.
Mutter eines NIKOlino Kindes

Vom Förderraum zum Spielhaus
Trotz der offensichtlichen Attraktivität und Sinnhaftigkeit des Erfahrungsraums für die Kinder mit Blindheit oder Sehbehinderung steht dieser oft in einer versteckten Nische oder im Kinderzimmer. Zur Anpassung an unsere „Kleinsten“ im NIKOlino (Schulkindergarten und inklusive Ganztageseinrichtung der Nikolauspflege in Stuttgart) und in der Sonderpädagogischen Frühförderung entstand die Idee, diesen Erfahrungsraum für Familien zu gestalten. Entstehen sollte ein „schönes“, ansprechendes Fördermaterial in Form eines „Spielhäuschens“, das sich Familien gern ins Wohnzimmer stellen, da es die Freude am Spielen und nicht die Förderbedürftigkeit und somit die Behinderung des Kindes in den Vordergrund rückt. So wird der Kleine-Welt-Raum Teil des Alltags und unterstützt die Selbstständigkeit von Kindern. Zunächst entstand gemeinsam mit dem Designer Max Empt ein Prototyp eines neuen Erfahrungsraums für Kinder mit Blindheit und Sehbehinderung.
Dazu werden sowohl die Wände gestaltet als auch verschiedene Spielmaterialien am Hausdach innen aufgehängt und bei Bedarf durch eine zusätzliche Lampe beleuchtet. Das neue attraktiv gestaltete Häuschen soll Familien Lust machen, dieses Fördermaterial in den Familienalltag und ins Wohnzimmer zu integrieren.
Schon in der Erprobungsphase des Prototyps gab es viele positive Rückmeldungen im mobilen Einsatz in der Sonderpädagogischen Frühförderung.
Durch die Verwendung möglichst leichter Materialien und der unkomplizierten Holz-Steck-Lösungen kann dieser sehr viel leichter transportiert und schneller auf- und abgebaut werden. Aber auch bei den Familien kam das neue Konzept sehr gut an.
Durch eine Spende von Aktion Weihnachten e. V. der Stuttgarter Nachrichten konnte die Erstproduktion von zehn Häuschen erfolgen, die für die Sonder- pädagogische Frühförderung und deren Ausleihe an Familien eingesetzt wurden. Längerfristiges Ziel ist es, die Kleine- Welt-Räume auch zum Verkauf anzubieten.
Vom Prototyp zur Nutzung im Alltag
Auf der Suche nach einem geeigneten Kooperationspartner zur Herstellung des Häuschens stellten wir den Kontakt zur Justizvollzugsanstalt Heimsheim her. Nach einem Vorstellungstermin in der dortigen Schreinerei sowie Überlegungen zu Materialbeschaffungs- und Herstellungsmöglichkeiten und Kosten erfolgte im Juni 2023 die Produktion der ersten Häuschen.
In Zusammenarbeit mit dem TÜV Süd in München haben wir auch eine offizielle CE-Zertifizierung für den Kleine-Welt-Raum in zwei verschiedenen Größen (XS und S) bekommen.
Anfang August war es dann tatsächlich so weit; 13 nagelneue Kleine-Welt-Räume wurden an die Nikolauspflege geliefert und konnten mit Spielmaterialien ausgestattet an Familien ausgeliehen werden.
Häufige Fragen zum Kleine-Welt-Raum
Der Kleine-Welt-Raum ist ein Erfahrungsraum, in dem Kinder mit Blindheit oder Sehbehinderung ihre Umgebung über Hören, Tasten und Bewegung erkunden. Dabei werden Raumorientierung und sensorische Wahrnehmung gezielt gefördert.
Raumorientierung hilft Kindern, sich selbstständig zu bewegen und ihre Umwelt zu verstehen. Sie ist eine wichtige Grundlage für Selbstständigkeit und Teilhabe im Alltag.
Wie fördert der Kleine-Welt-Raum die Wahrnehmung?
Im Kleine-Welt-Raum werden akustische, taktile und visuelle Reize kombiniert. Kinder können Materialien ertasten, Geräusche wahrnehmen und so ihre sensorische Wahrnehmung aktiv entwickeln.
Für welche Kinder ist der Kleine-Welt-Raum geeignet?
Der Kleine-Welt-Raum richtet sich an Kinder mit Blindheit, Sehbehinderung oder Mehrfachbeeinträchtigung. Er wird in der Frühförderung und im Alltag eingesetzt.