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Foto: Peter Dorn

Vom Versuch, sich in die Lage eines Blinden zu versetzen

27.07.2015

Das Erdbeerfest im Paul-und-Charlotte-Kniese-Haus bot intensive Eindrücke und Begegnungen – etwa mit Therapiehunden.

Süße Früchte, helfende Hunde und ein Wahrnehmungsexperiment: Kürzlich veranstaltete das Paul-und-Charlotte-Kniese-Haus in Kooperation mit dem Franz-Mersi-Haus Mannheim sein traditionelles Erdbeerfest. Knapp 150 Gäste kehrten zu einem Stück Erdbeerkuchen und weiteren fruchtigen Snacks in den Innenhof der Weinheimer Einrichtung für blinde, sehbehinderte und mehrfachbehinderte Erwachsene ein; am Abend wurde gegrillt. „Die Leute freuen sich immer auf frischen Erdbeerkuchen, aber ein herzhaftes Stück Fleisch kommt auch gut an“, begründete die Hausleiterin Sabine Nitzsche den Motto-„Ausreißer“.

Neben dem Auftritt einer Mannheimer Squaredance-Gruppe, der Spendenübergabe des „Ladies Circle“ und einer kraftvollen Gesangsdarbietung des Franz-Mersi-Haus-Bewohners Achim Rhein gab es ein Experiment: Interessierte konnten im „Garten der vier Winde“ auf der Dachterrasse Eindrücke aus einer neuen Perspektive sammeln. Eine schwarz gefärbte Brille simulierte Blindheit – an der Hand eines Betreuers. Durch den Ausfall des Sehsinnes sollen andere Wahrnehmungsorgane gefördert und beansprucht werden. Dafür gibt es ein Kräuterbeet zum Schnuppern und Schmecken, eine Vernebelungsanlage, eine Körperdusche und einen Barfußpfad zum Fühlen und Tasten. „Der Garten war uns ein großes Anliegen, auch wenn der Weg steinig war“, sagte die Geschäftsführerin der Nikolauspflege, Heike Gennat. Die Stiftung ist dem Paul-und-Charlotte-Kniese-Haus übergeordnet. Acht Jahre vergingen vom Planungsbeginn bis zur Fertigstellung des 260 000-Euro Projekts.

„Der Sinnespfad ist für die Klienten und auch für die Mitarbeiter eine tolle Möglichkeit, sich fallen- und einzulassen“, so Gennat. Außerdem kooperiert die Einrichtung seit mittlerweile fünf Jahren mit „Therapiehunde Weinheim“. Die
Hundetherapie-Leiterinnen Christiane Gerhard und Andrea Sonntag-Winkler kommen jeden Mittwoch mit ihren Golden Retrievern in das Paul-und-Charlotte-
Kniese-Haus. MitTastspielen,Streicheleinheitenund Körperwärme sollen die Hunde bei bettlägerigen Patienten Entspannung vermitteln, die sensomotorische Wahrnehmung, also das Zusammenspiel der Sinne und kontrollierter Bewegungen, fördern sowie das Selbstwertgefühl steigern. Sabine Nitzsche erinnerte sich an die Wirkung auf einen „Härtefall“: „Wir haben
einen blinden Klienten, der sehr bewegungsfaul war. Nach kurzer Zeit hat er die Hunde in sein Herz geschlossen und geht seither regelmäßigmit ihnen spazieren. Die Hunde sind tolle Helfer.“

Das „Therapiehunde Weinheim“-Gespann hat derzeit sieben Hunde, darunter vier „Therapeuten“, eine „Auszubildende“ und „zwei nur so“, sagte Gerhard: „Nicht jeder Hund eignet sich als Therapiehund. Sie müssen Ruhe und Gelassenheit ausstrahlen. Außerdem muss der Hund gerne arbeiten und darf nicht schreckhaft sein.“ Sie wies auf eine soziologische Erfahrung hin: „Hunde mit hellem Haar werden von den meisten Klienten bevorzugt.“ Dunkle Hunde würden meist bedrohlich wirken. Auf die Frage warum sie ausschließlich auf Golden Retriever zurückgreifen, antwortete sie: „Die Rasse hat
eine gute Grundgehorsamkeit und ist sehr lernfähig.“ Schon mit sechs Wochen beginnen die Hunde mit der Ausbildung, dann „stellt sich nach recht kurzer Zeit heraus, ob der Hund als Therapeut geeignet ist“. Nach 18 Monaten hätten die meisten Hunde die Ausbildung abgeschlossen – es folgt eine Prüfung, die von einer Ausbildungseinrichtung abgenommen wird. Dem Franz-Mersi-Haus wurde
schließlich nach einer erfolgreichen Bewerbung bei der Förderorganisation „Aktion Mensch“ um ein Transportfahrzeug offiziell der Wagenschlüssel übergeben. „Wir sind sehr froh und dankbar dafür. Wir sind jetzt viel flexibler und können unseren Klienten mehr Ausflüge ermöglichen“, so Gennat.

Text: Lukas van den Brink, erschienen in der Rhein-Neckar-Zeitung, 2. Juli 2015.