Von der Punktschriftübertragung zum Medienzentrum

Wenn es darum geht Materialien für Schülerinnen und Schüler barrierefrei bereit zu stellen, haben die Mitarbeiterinnen des Textservice der Tilly-Lahnstein-Schule ein ganz spezifisches Fachwissen. Ihre primäre Aufgabe: die Prüfungsübertragung der Abschlussprüfungen, sowohl für die Berufsausbildung, als auch für die Berufsfachschulen und die Berufskollegs der Nikolauspflege. Daneben überträgt der Textservice Schulbücher oder Arbeitshefte nach dem E-Buch-Standard in eine digital nutzbare Form. Sie bereiten Abbildungen digital oder taktil auf, signieren Schulbücher oder Arbeitshefte im PDF-Format individuell digital und stellen diese den sehbehinderten Schülerinnen und Schülern zur Verfügung. Auch umfangreichere Punktschriftausdrucke für Unterrichtszwecke übernimmt der Textservice.

Die Expertinnen hinter dem Textservice
Im Gespräch mit Gabriele Langthaler und Ulrike Lorenz-Link

Vor über 40 Jahren begann alles mit einem Ziel, das bis heute geblieben ist: Blinden und sehbehinderten Schülerinnen und Schülern den Zugang zu Prüfungen und Lernmaterialien zu erleichtern. Gabriele Langthaler war die erste, die diese Aufgabe übernahm. Ulrike Lorenz-Link verstärkt den Textservice seit 2022. Für NIKOAktuell werfen sie einen Blick zurück in die Vergangenheit und voraus in die Zukunft. 

Frau Langthaler, schon als Schülerin hat man an der Nikolauspflege Ihr Talent bei der barrierefreien Aufbereitung von Texten erkannt. Direkt nach Ihrem Abschluss an der Berufsfachschule der Nikolauspflege 1982, wurde für Sie die Stelle „Punktschriftübertragung“ neu geschaffen. Wie sah Ihre Arbeit damals aus? 
Ganz analog und ohne PC – heute kaum vorstellbar. Wie der Name „Punktschriftübertragung“ schon sagt, ging es darum Texte in Punktschrift zu übertragen. Dazu habe ich mit dem „Thiel-Braille-Zentrum“, einem Erfassungsgerät, gearbeitet. Alles musste manuell eingegeben werden: Schulbücher, Unterrichtsmaterial, Prüfungen.

Wie hat sich der Arbeitsbereich über die Jahre verändert?
1988 ist der erste Computer bei mir eingezogen. Dadurch erweiterte sich mein Aufgabenbereich und neben Punktschrift erstellte ich auch Großdrucke in Schwarzschrift. Ab 2003 durfte ich die ersten Schulbücher digital aufbereiten als entsprechend umgearbeitete Word-Datei. Seit zehn Jahren können wir auch digitale PDF-Schulbuchdateien speziell für sehbehinderte Schülerinnen und Schüler bereitstellen. Die reine Punktschriftübertragung hat sich nach und nach zu einem vielseitigen Medienzentrum und Textservice entwickelt – entsprechend haben wir dann auch den Bereich umgetauft. 

2022 kam Verstärkung ins Team. Was bedeutet das für die Zukunft?
Ulrike Lorenz-Link kam genau zur richtigen Zeit. Ich konnte mein Wissen weitergeben, Strukturen erklären – das war mir wichtig. Wenn ich Ende 2025 in den Ruhestand gehe, tue ich das mit einem guten Gewissen. Ich weiß: Die Arbeit wird genauso professionell weitergeführt. 

Frau Lorenz-Link, Sie gestalten künftig die Weiterentwicklung des Medienzentrums. Was wird sie in Zukunft beschäftigen? 
Die Hauptaufgabe des Medienzentrums ist auch künftig die Prüfungsübertragung für die Tilly-Lahnstein-Schule. Und Schulbücher übertrage ich – solange keine adäquaten Versionen durch die Verlage zur Verfügung gestellt werden können – natürlich weiterhin. Mit dem Inkrafttreten des Barrierefreiheitsstärkungsgesetzes hoffe ich allerdings, dass die reine Textaufbereitung immer weniger notwendig wird, weil Inhalte schon von vorne herein barrierefrei angelegt sind, inklusive passender Bildbeschreibungen. Ich kann mich dann verstärkt darauf konzentrieren komplexe Inhalte individuell erfahrbar zu machen, beispielsweise als taktile Grafik oder 3D-Druck. Und ich möchte ausloten, welche Unterstützung KI bei der Erstellung barrierefreier Medien spielen kann – es wird nicht langweilig werden!

Was ist Ihnen dabei besonders wichtig?
Ich möchten aktiv mitgestalten, nicht nur umsetzen. Die freiwerdende Stelle meiner Kollegin soll kompetent nachbesetzt werden, das ist bereits in Planung. Meine Idee ist, das Medienzentrum auch innerhalb der Stiftung weiterzuentwickeln – hin zu einer Ansprechstelle für alle, die barrierefreie Materialien entwickeln oder benötigen – also für Lehrkräfte, Fachabteilungen aber ggf. auch externe Interessierte. Wie das am besten gelingen kann, dazu sind wir bereichsübergreifend bereits in einem engen Austausch, auf den ich mich auch in Zukunft freue. 

Was wünschen Sie sich für die kommenden Jahre?
Ich wünsche mir, dass Barrierefreiheit in unserer gesamten Gesellschaft mitgedacht und selbstverständlicher umgesetzt wird, Stichwort - „born accessible“ also nicht nur ein Stichwort bleibt. Für die Zukunft des Medienzentrums wünsche ich mir, dass wir uns auch bei immer neuen Anforderungen verlässlich dafür einsetzen, dass die hohen Qualitätsstandards bei der barrierefreien Aufbereitung angewendet werden.