Graffiti-Workshop in der Hall of Fame in Stuttgart

Am 08. Juli  fand im Betty-Hirsch-Schulzentrum ein kreativer Graffiti-Workshop statt, der durch die großzügige Unterstützung der Wolkenputzer Stiftung ermöglicht wurde. Der inklusive Workshop richtete sich an Jugendliche mit und ohne Sehbeeinträchtigung und Blindheit und bot ihnen die Gelegenheit, sich auf neue Weise künstlerisch auszudrücken und mit der urbanen Kunstform Graffiti vertraut zu machen. Dabei sollten kreative Fähigkeiten gefördert, das Gemeinschaftsgefühl gestärkt und ein bewusster Umgang mit öffentlichem Raum thematisiert werden.

Insgesamt nahmen 14 Jugendliche aus dem Betty-Hirsch-Schulzentrum teil. Der Workshop wurde von dem erfahrenen Graffitikünstler und Kunsttherapeuten Fabian Punkhardt der ArtFactory27 geleitet. Zusätzlich unterstützt und begleitet wurden die Teilnehmenden durch ihre Klassenlehrerinnen Frau Hilt und Frau Langemann sowie drei Assistenzkräfte.

Der Workshop begann um 10:50 Uhr mit einer kurzen Einführung in die Geschichte und Technik der Kunstform Graffiti in der Schule. Die Jugendlichen bekamen durch eindrückliche Filmszenen mit akustischen Reizen wie dem typischen Zischen der Spraydose, dem Rascheln des Gebüschs und dem rhythmischen Sprühen auf der Wand einen Eindruck von der Atmosphäre der Graffitikunst. Sie lernten das Arbeitsmaterial eines Graffitikünstlers kennen, indem sie verschiedene Spraydosen, Schutzmasken und Handschuhe erkundeten. Außerdem wurden die Jugendlichen für den Unterschied zwischen illegalem Vandalismus und legaler Kunst im öffentlichen Raum sensibilisiert. Um erste Ideen zu sammeln und das gemeinsame Graffitikunstwerk vorzubereiten, fertigten die Teilnehmenden Skizzen an. 

Um 12:00 Uhr machte sich die Gruppe gemeinsam auf den Weg an die Hall of Fame, eine legale Fläche für Graffiti in Stuttgart Bad-Cannstatt. Nach der Betrachtung einiger Kunstwerke und einer kurzen Besprechung der Regeln und Sicherheitsaspekte ging es direkt an die kreative Umsetzung. Zunächst wurde eine geeignete Wand ausgewählt und gestrichen. Währenddessen begannen ein paar Jugendliche, die Farben einsatzbereit zu machen – jede Spraydose muss so lange geschüttelt werden, bis die Metallkugel im Inneren der Dose zu hören ist. Nachdem alles bereit war, erklärte der Workshopleiter die Handhabung der Spraydose. Auf einer Übungswand konnten die Jugendlichen erste Erfahrungen im Umgang mit der Spraydose sammeln und verschiedene Techniken ausprobieren. 

Danach wurde jedem Jugendlichen ein Abschnitt der ca. 20 Meter langen Wand zugeteilt. Manche verewigten sich zu zweit. Die Teilnehmenden brachten nun ihre eigens entwickelten Motive und Schriftzüge an die Wand. Als Grundlage dienten die zuvor erstellte Skizzen zur Impulsfrage „Was macht dich glücklich, was findest du toll – in Bezug auf die Schule oder auch außerhalb?“ sowie ihre im Kunstunterricht hergestellten Stencils. Beeindruckend war, mit wie viel Begeisterung, Konzentration und Mut zur Farbe die Teilnehmenden bei der Sache waren – fast alle hatten zuvor noch nie mit Spraydosen gearbeitet. Besonders hervorzuheben sind die kreativen Ideen der Jugendlichen, durch die eine Wand voller individueller Kunstwerke entstand. Vom Schulhund Ida, bunten Herzen mit Initialen, dem Braille-Schriftzug „Freunde“ bis hin zum Fahrdienst, der die Jugendlichen zur Schule befördert, war vieles dabei.

Anschließend gestaltete Fabian Punkhardt die Outlines des großen „Betty-Hirsch-Schule“-Schriftzugs, dessen Buchstaben die Teilnehmenden mit Farbe ausfüllten, wodurch neben den individuellen Graffitis ein großes Gemeinschaftsbild entstand. Das Nikolauspflege-Stencil rundete das Kunstwerk ab. Zum Schluss wurden Gruppenfotos gemacht, die an den besonderen Tag voller Kreativität, Gemeinschaft und Stolz auf das eigene Werk erinnern. Gegen 15:00 Uhr fuhren die Jugendlichen mit ihren Lehrkräften und dem Workshopleiter zurück in die Schule. 

Im Vordergrund des Graffiti-Workshops stand nicht nur das künstlerische Arbeiten, sondern auch persönliche Ausdrucksmöglichkeiten und gemeinsames Erleben. Trotz unterschiedlicher visueller und kognitiver Voraussetzungen fanden alle Jugendlichen ihren ganz eigenen Zugang zur Gestaltung. Graffiti ist auf den ersten Blick eine visuell geprägte Kunstform, doch sie kann auch für Menschen mit Blindheit spannend sein. Durch den zischenden Sound, den Geruch der Farbe sowie das Gefühl der Dose in der Hand kann das Sprühen ein intensives sinnliches Erlebnis sein. Die Schablonen machten die Arbeit zielgerichtet und planbar. Individuelle Assistenz ermöglichte Teilhabe durch Unterstützung bei der Bewegungsführung der Spraydose und Orientierung auf der Wand. Eine Perspektive für ein mögliches zukünftiges Graffiti-Projekt könnte das Anbringen verschiedener Materialien auf der Wand sein, um ein intensiveres haptisches Erleben des Kunstwerks zu ermöglichen.

Die Rückmeldungen der Jugendlichen zeigen, wie positiv sie den Tag erlebt haben: 

„Die Atmosphäre war total entspannt – ich hätte noch ewig weitermachen können.“ 

„Am coolsten war, dass wir unsere eigenen Ideen sprühen durften.“ 

„Es war ein tolles Erlebnis – mal was ganz anderes als Kunst mit Stift und Papier.“

Eine blinde Schülerin berichtete, dass sie sich im Vorfeld unsicher war, wie aktiv sie mitarbeiten könnte. Ihr Fazit am Ende des Tages: 

„Ich hätte nicht gedacht, dass das mit der Handführung so gut funktioniert. Es war ein cooles Erlebnis und hat Spaß gemacht.“

Wir bedanken uns herzlich bei der Wolkenputzer Stiftung für die finanzielle Förderung dieses besonderen Projekts. Der Graffiti-Workshop hat neue Ausdrucksformen eröffnet, bunte Spuren an der Wand hinterlassen und das Selbstvertrauen und Gemeinschaftsgefühl der Jugendlichen gestärkt. 

Vier Jugendliche stehen vor einer bunten Wand und sprühen mit Spraydosen gemeinsam an einem Graffitti