Grenzenlos inklusiv – The Blind Stones reisen nach Peking

Ein Erfahrungsbericht von Peter Luttringer, Nikolauspflege:

Nach mehr als einem Jahr intensiver Vorbereitung und zahlreichen einrichtungsinternen und externen Auftritten war es am 18. Oktober 2014 endlich so weit: Die Blind Stones und Michael Wagner, welcher zur Unterstützung mitreiste, bestiegen in Stuttgart den Flieger Richtung Frankfurt, von wo aus es dann direkt nach Peking ging. Nach einem circa neunstündigen Flug landete die Band müde auf dem zweitgrößten Flughafen der Welt und wurde von einem Schienenbus, wohlbemerkt ohne Fahrer, vom Terminal zum Ausgang und von dort per Bus zum Hotel transportiert. Vor Ort wurde allen Beteiligten sehr schnell bewusst, dass China nicht mit Europa vergleichbar ist und die europäische Vorstellung von China häufig wenig Übereinstimmung mit der Realität hat. Smog und Verkehr Pekings haben Dimensionen, welche man sich als Europäer nur schwerlich vorstellen kann. Deshalb war uns zu diesem Zeitpunkt bereits klar, dass man eher Auftrittsorte in der Schweiz wählen sollte, wenn man gute Luft und Ruhe sucht. Aber egal, wir waren in Peking gemeinsam mit 13 weiteren Bands aus China, Südkorea, Ungarn, Deutschland und der Schweiz. Insgesamt sollten rund 200 Musiker im Rahmen des Festivals Makellos an den unterschiedlichsten Spielstätten auftreten.

Als Gäste des chinesischen Staates untersteht man natürlich einer stärkeren Beobachtung als Touristen und da die Auftritte offiziellen Charakter hatten, wurde genau darauf geachtet, was präsentiert werden durfte. Bei einer Probe mussten alle Bands ihr Programm vor Staatsfunktionären darbieten, die dann für die Genehmigung zuständig waren und den Gruppen ihre Spielstätten zuwiesen. Hierbei wurde zum Beispiel eine Band zensiert, welche ursprünglich Beethovens „Ode an die Freude“ spielen wollte. Für die Blind Stones wurde die BeijingRoyal School(BRS) als Auftrittsort festgelegt. Hierbei ist zu bemerken, dass eine Schule in Peking im Schnitt etwa 3000 bis 5000 Schüler hat. Die BeijingRoyal School hat einen sehr elitären Charakter und gilt als Institution für Bessergestellte, welche hier internationale Schulabschlüsse erwerben können, die den Zugang zu Eliteuniversitäten weltweit ermöglichen. Der Auftritt an dieser Schule war für alle Beteiligten eine besondere Herausforderung, da das Konzert von den Medien mitgeschnitten und scheinbar im chinesischen Staatsfernsehen übertragen wurde. Dementsprechend war der Ablauf der Veranstaltung nach einem straffen Zeitplan exakt festgelegt, was für viele von uns eine ganz neue Erfahrung war.

Desweiteren wurde in einem großen Hotel für die Bands ein Auftritt in kleinerem Rahmen organisiert, wo sich durch eine Ausstellung auch ein Einblick in die chinesische Kultur und Geschichte bot. Auch hier waren wieder Staatsbeamte und Organisatoren vor Ort, welche die Veranstaltung begleiteten. Eine Erfahrung ganz besonderer Art war ein musikalisches Intermezzo in einem Paulaner Bierzelt, wo die Chinesen ihre Vorstellung von ,,German Gemütlichkeit“ verwirklichten und Münchner Oktoberfest feierten. Chinesen in Dirndl oder Lederhosen zu sehen, die zu DJ Ötzis Schlagerhit „Ein Stern“ abfeiern, hatte für den ein oder anderen von uns doch schon etwas Surreales.

Aus dem ursprünglich angedachten Charity-Pausenfüller wurde aufgrund der begeisterten Menge letztendlich ein halbstündiger Auftritt einer Spontan-Kooperation von Brenzband und Blindstones-Musikern. Auch außerhalb der gemeinsamen Auftritte gab es Gelegenheit zum musikalischen Austausch, es wurden Kontakte geknüpft und tolle Gespräche geführt. Doch die gesellschaftspolitische Tragweite dieses Festivals war keinem von uns bewusst. Das Makellos-Festival brachte zum ersten Mal behinderte Menschen auf öffentliche Bühnen und rückte ihre Belange in den Fokus, während Behinderte in Chinas öffentlichem Leben ansonsten weitgehend unsichtbar bleiben. Barrierefreiheit oder behindertengerechte Sanitäreinrichtungen sind so gut wie gar nicht vorhanden und staatliche Unterstützung ist bei einer Behinderung nicht vorgesehen. Obwohl laut Huigeng Yu, der Rektorin der Qizhi Sonderschule für Musik, alleine die Anzahl geistig Behinderter der Gesamtbevölkerung Frankreichs entspricht.

So ist die Auftrittsmöglichkeit auf öffentlichen Bühnen und speziell im Staatstheater, der bedeutendsten Bühne Chinas, laut einer chinesischen Musikjournalistin „unzweifelhaft die höchste Auszeichnung und die respektvollste Behandlung für diese spezielle Gruppe“.

Ebenso wurde von ihr positiv hervorgehoben, dass in den europäischen Gruppen Personen mit und ohne Handicap gemeinsam Musik machen, wobei eher ,,das lockere, überschäumende und heftige Teilnahmegefühl“ und der Spaß im Vordergrund stünden, während die chinesischen Festival-Teilnehmer keine gemischten Gruppen aufwiesen und bei ihrer Darbietung Form und Perfektion im Vordergrund stünden. Der Generalsekretär des Lions Club China konstatierte, dass „China ein solches Musikfestival braucht, das den Behinderten eine Chance bietet zu Selbsterfahrung, gegenseitiger Kommunikation und Förderung des Selbstbewusstseins“; in Wirklichkeit sei es aber so, dass das chinesische Volk noch nicht viel von dieser speziellen Gruppe kenne, wofür Regierung, Gesellschaft, Medien usw. mehr tun sollten.

Die Chinareise war für alle Beteiligten sicherlich nicht nur musikalisch eine ganz spezielle Erfahrung; auch die Einblicke in eine völlig andere Kultur und Staatsform sind Erlebnisse, die keiner so schnell vergessen wird. Vielleicht haben ja das Festival und die beteiligten Bands auch dazu beigetragen die Sichtweise auf Menschen mit Behinderung in China etwas positiver zu verändern.

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