Wenn im Haus am Dornbuschweg Kinder sterben
"Dass die Vögel der Traurigkeit über deinen Kopf kreisen, kannst du nicht verhindern; aber dass sie Nester in deinem Haar bauen, das kannst du verhindern!"
Khalil Gibran
Nein, wir wollen keine Nester der Traurigkeit in unserem Haar bauen, auch wenn sie uns zuweilen einholt. Auch wenn wir ihr immer wieder Raum geben müssen, wir wollen nicht, dass sie sich einnistet. Wir wollen uns irgendwann freundlich und leichten Herzens erinnern. Wir wollen an die schönen Zeiten mit den verstorbenen Kindern und Jugendlichen des Hauses am Dornbuschweg denken. Wir wollen uns an ihr Lachen, an ihre Eigenarten erinnern, auch an ihr Zornigsein und dass es nicht immer einfach war mit dem einen oder anderen. Aber wir wollen uns gerne erinnern.
Kolleginnen und Kollegen des Hauses haben als guten Ort der Erinnerung einen großen Baum im Erlebnisgarten ausgewählt. Der Erinnerungsbaum wurde am 1. Juli 2010 in feierlichem Rahmen eingeweiht. Gemeinsam mit den Eltern verstorbener Kinder wurden Glöckchen in den Baum gehängt. Diese erinnern nun, je nach Windstärke, mal lauter und mal leiser an die verstorbenen Kinder und Jugendlichen. Schon viele Male musste man beim Haus am Dornbuschweg Abschied nehmen. Abschied von Schülerinnen und Schülern, die aufgrund ihrer schweren Behinderungen und Erkrankungen viel zu früh aus dem Leben gehen mussten. Auch wenn man dies hier schon oft erlebt hat, ist es immer wieder ein Schock und ein schmerzhafter Verlust. Für Mitschüler und Mitbewohner und für das gesamte Kollegium.
"Wenn ein Schüler oder eine Schülerin stirbt, sind wir nicht abgeklärt und routiniert, obwohl man das vielleicht denken könnte. Wir sind traurig und konfus, wütend, weil es gerade jetzt passiert, ratlos, weil wir noch so viel sagen, machen, gemeinsam erleben wollten", so eine Mitarbeiterin. Weil man aber nicht in Ratlosigkeit und Konfusion verharren möchte, wird das Thema Sterben und Tod beim Haus am Dornbuschweg nicht ausgeklammert. Das Kollegium befasst sich aktiv mit dem Thema, in Zusammenarbeit mit dem Kinderhospiz Stuttgart. Durch gemeinsam geschaffene Strukturen erhalten Mitarbeiter wie Mitschüler Orientierung und Unterstützung im Umgang mit Tod und Sterben. Die im Lauf der Zeit entwickelten Rituale sollen helfen, leichter mit dem Verlust zu leben und fertig zu werden. So freuen wir uns, dass wir bei allem Schmerz, den wir zulassen müssen, die Vögel der Traurigkeit keine Nester bauen lassen, sondern die Möglichkeit haben, uns bei freundlichen Klängen im Baum zu erinnern.
Sabine Lebherz
Öffentlichkeitsarbeit, Haus am Dornbuschweg

