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23.12.2011

Gerlinde Kretschmann besucht Nikolauspflege am Kräherwald - „Ihre wertvolle Arbeit werde ich gerne unterstützen.“

Was ist zu tun, wenn die Gattin des amtierenden Ministerpräsidenten ihren Besuch ankündigt? Titel, Rangbezeichnung, Anrede nach Protokoll studieren? Ratgeber befragen, um sich nicht aus Unkenntnis der Etikette daneben zu benehmen? Das mag in der Regel durchaus ratsam sein. Wenn es sich bei der First Lady allerdings um Gerlinde Kretschmann handelt, sind solche Fragen nicht wirklich bedeutsam. Dann fragt die frisch pensionierte, vor Leben und Neugier sprühende Lehrerin nach dem Thema Schule, die dreifache Mutter nach blinden und sehbehinderten Kindern und deren Familien und der Mensch Gerlinde Kretschmann nach dem Hilfebedarf der Nikolauspflege.

„Man kann nichts Neues herausfinden, wenn man nicht vorher eine Frage stellt“, sagt eine alte Volksweisheit. Gerlinde Kretschmann lässt keine Gelegenheit aus, Fragen zu stellen und dabei so viel über die Nikolauspflege herauszufinden, wie man bei einem ersten Besuch aufnehmen und verarbeiten kann. Seit wann gibt es den Kräherwald? Wie viele Kinder und Jugendliche leben und lernen bei der Nikolauspflege? Wie sehen die familiären Hintergründe aus? Warum gibt es immer mehr Menschen mit schweren Mehrfachbehinderungen? 

Voller Interesse und Neugier

So passt es auch zu ihr, dass sie für dieses erste Kennenlernen den kleinen Rahmen dem Happening mit Pressebegleitung und Blitzlichtgewitter vorzieht. Sie ist nicht gekommen, um sich anschließend in den Medien zu spiegeln, sondern weil sie sich für die Arbeit der Nikolauspflege interessiert. Das macht die Sache von vornherein anders als man sie von prominenten Gästen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft üblicherweise erwarten darf. 

So erklärt sich auch, dass sie nicht schon alles zu wissen glaubt über Inklusion und den Unterschied, den Blindheit oder Sehbehinderung im Vergleich zu anderen Behinderungsarten macht. Mit jeder neuen Frage arbeitet sie sich weiter vor zu einem tieferen Verständnis der Besonderheiten, die es hier zu bedenken gilt.

Aufmerksam und mit einigem Erstaunen lässt sie sich aufklären über die Vielfalt der Möglichkeiten, die vielen verschiedenen Wege, die bei der Nikolauspflege unter dem Vorzeichen inklusiver Angebote allein im Bereich schulischer und beruflicher Bildungsangebote offen stehen. Als „ein differenziertes System, in dem jeder bekommen sollte, was er braucht“ erläutert der Vorstandsvorsitzende Dieter Feser das Spektrum ambulanter und stationärer Angebote, bei dem sowohl der Besuch der Nikolauspflege als auch die individuelle Begleitung an einer Regeleinrichtung in Wohnortnähe in Frage kommt. Wichtig erscheint ihm die undogmatische Herangehensweise, die nicht prinzipiell einen Weg – Sondereinrichtung oder Regelbetrieb –  für besser hält als den anderen. 

Gut ist, was den Kindern gut tut

„Wir werden auch in Zukunft auf die Kompetenz der Sonderpädagogen nicht verzichten können“, macht Gerlinde Kretschmann in diesem Zusammenhang ihre ebenfalls undogmatische Haltung deutlich, die sich aus jahrzehntelanger Berufspraxis speist. Sie habe deutlich vor Augen, „wie gut es Kindern tut, wenn die Rahmenbedingungen stimmen“. Und sie habe eine Vorstellung, wie wenig der Rahmen staatlicher Regelschulen bisher dazu angetan ist, Kinder mit so spezifischen Problemlagen wie Blindheit oder Sehbehinderung tatsächlich Chancengleichheit zu eröffnen. Im Zuge der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention werde es hier aber zu Verbesserungen kommen.

Die Zeit verfliegt, und jede Frage zieht zehn weitere nach sich, von denen viele für den Moment offen bleiben müssen. „Finden Sie genügend Lehrer, die diese Ausbildung machen können?“, spricht sie zielsicher ein weiteres Problemfeld an, das sich vor dem Hintergrund des gegenwärtigen Abbaus der Fachrichtung Blindheit und Sehbehinderung in der Hochschulbildung in Zukunft noch verschärfen wird. „Wie kommen Sie im Elternkontakt und in der Elternarbeit zurecht? Haben Sie genügend ehrenamtliche Helfer?“ 

Eine Fürsprecherin mit Herz und Verstand

Es ist lange nicht alles gesagt, als Gerlinde Kretschmann an diesem Tag unwiderruflich gehen muss. Was sie bei der Nikolauspflege zurück lässt, ist die Aussage: „Ihre wertvolle Arbeit werde ich gerne unterstützen“. Wir betrachten dies nicht nur als Grund zur Freude, sondern auch als Grund, stolz zu sein. Gerlinde Kretschmanns Auftreten ist getragen von so viel Glaubwürdigkeit, dass wir uns niemanden vorstellen können, dessen Fürsprache wir lieber und dankbarer annehmen mögen.