Reha oder Rente?

Ein Erfahrungsbericht von Klaudia Lorenz

Berufliche Reha oder Rente? Mit dieser Frage wird wohl jeder Blinde oder Sehbehinderte einmal konfrontiert. Mich entsetzten die Vorschläge meiner Reha-Beraterin dermaßen, dass ich beschloss, alles selbst in die Hand zu nehmen. Mittlerweile, 47 Jahre jung und wieder in fester Anstellung, komme ich zu dem Ergebnis: Der Einsatz hat sich gelohnt – nicht nur für mich, sondern auch für alle Steuerzahler.

Aber kehren wir zum Anfang zurück: Bei mir wurde Morbus Stargardt diagnostiziert. Genetisch bedingt können giftige Stoffe in meinen Sehzellen nicht abgebaut werden. Schleichend verlor ich mein Sehvermögen, derzeit sehe ich nur noch ein bis zwei Prozent. 

Ursprünglich habe ich staatlich anerkannte Erzieherin gelernt, aber anschließend immer mit Erwachsenen gearbeitet. In Berlin arbeitete ich über 15 Jahre als pädagogische Mitarbeiterin mit psychisch kranken Menschen. Diese Tätigkeit, die ich mit damals maximal zehn Prozent Sehvermögen ausgeübt habe, hat mich sehr zufrieden gemacht. Und so wollte ich mir nach meinem privat bedingten Umzug nach Bayern einen neuen Job in diesem Bereich suchen. Wie ich aber feststellen musste, ist auch hier die Arbeit ohne EDV-Kenntnisse nicht vorstellbar. Nur hatte ich von PC & Co. keinen blassen Schimmer.

Um wieder auf dem ersten Arbeitsmarkt unterzukommen, musste geklärt werden, wer für eine Eingliederung zuständig ist: Agentur für Arbeit oder Deutsche Rentenversicherung (DRV)? Nachdem einige Anrufe und Wartezeit auszuhalten waren, übernahm die DRV die Regie, und damit begann die Zeit der örtlichen Reha-Berater. Diese konnten sich aber absolut nicht vorstellen, dass eine Wiedereingliederung in meinen alten Beruf trotz meiner Blindheit möglich ist. Widerwillig „erlaubten“ sie mir schließlich, eine Arbeitserprobung in der Stuttgarter Nikolauspflege zu absolvieren, aber erst nachdem ich selbst diese Einrichtung vorgeschlagen hatte.

 

Mit zähem Willen durchgesetzt

Obwohl die Nikolauspflege eine positive Empfehlung gab und meine Integration in den bisherigen Beruf durch das Erlernen von EDV-Kenntnissen in Aussicht stellte, zögerte die Rentenversicherung. Sie ließ mich erst noch eine weitere Arbeitserprobung in einer anderen Einrichtung absolvieren. Dort sollte ich die Blindenschrift lernen, obwohl meine sensitive Ausstattung dafür nachweislich nicht ausreicht.

Ich ließ nicht locker und nach viel Überzeugungsarbeit stimmte die DRV endlich der gewünschten Qualifizierungsmaßnahme bei der Nikolauspflege zu, zunächst auf drei Monate Probezeit befristet. Gleichzeitig bemühte ich mich um eine Praktikumsstelle beim Betreuungsdienst der Diakonie. In Stuttgart erlebte ich dann, wie kompetent auf den Einzelfall eingegangen werden kann. Sogar mein Zimmer wurde mit der nötigen Technik ausgestattet, so dass ich auch in der Freizeit meine EDV-Defizite aufarbeiten konnte. 

Natürlich war es nicht leicht, in meinem Alter und noch dazu in einer fremden Stadt wieder die Schulbank zu drücken. Die positive Grundhaltung der Mitarbeiter, die meinen Versuch, in den alten Beruf zurückzukehren, mit vorurteilsfreier Haltung unterstützten, half aber über manche Schwierigkeiten hinweg.

 

Gemeinsam zum Erfolg

Nach fünf Monaten der berufsnahen Qualifizierung namens „Fit“ war ich tatsächlich fit. Ich konnte meine Praktikumszeit in der Diakonie Neu-Ulm beginnen – in einem Wohnheim mit psychisch erkrankten Menschen und im Ambulant Betreuten Wohnen. Meine neuen Kollegen halfen im Berufsalltag bei vielen Gelegenheiten, meine Sehbehinderung durch vorbeugendes und unterstützendes Mitdenken auszugleichen. Direkt nach dem Praktikum bekam ich von der Diakonie in einer neuen Tagesstätte für psychisch Kranke, direkt in meinem Heimatort, eine Festanstellung angeboten. 

Es ist schön zu erleben, wie sich die von mir betreuten Personen anstrengen, da sie ja von meiner Erkrankung wissen, und manche Unpässlichkeiten aus dem Weg räumen. Gleichzeitig erfahren sie, wie man mit Behinderung umgehen kann und dass einige Hürden nicht zu hoch sein müssen. Es ist ein Geben und Nehmen – und das freut mich.


Neustart ins (Berufs-)Leben

Viele blinde und sehbehinderte Menschen durchlaufen im Laufe ihres (Berufs-)Lebens irgendwann Rehabilitations- oder Integrationsmaßnahmen. In Kooperation mit den Berufsförderungs- und Berufsbildungswerken in Deutschland stellt die „Gegenwart“ (Mitgliederzeitschrift des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands e.V.) ausgewählte Menschen vor. Sie schreiben über ihre Erfahrungen, Ängste, Wünsche und Träume beim beruflichen Neustart oder auf dem Weg zurück in den alten Job. Der Nachdruck des Erfahrungsberichts von Claudia Lorenz erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.
Stuttgart, 2010