Nicht nur in den Spiegel sehen

Reflexionen eines Zivildienstleistenden im Haus am Dornbuschweg

„Zivildienst? Du meinst: bezahltes Rumsitzen, langweilige Arbeiten, Essen durch die Gegend kutschieren oder 'Mädchen für alles' spielen?“ Das sind nur einige Aussprüche, die ich während meiner Schulzeit gehört habe. Ich selbst fühlte mich im sozialen Bereich schon immer wohl, insofern habe ich nur sehr kurz über den Wehrdienst nachgedacht. Seit gut einem Vierteljahr bin ich nun „Zivi“ auf einer Wohngruppe mit sieben mehrfachbehinderten Kindern und dabei keineswegs gelangweilt oder unterfordert! Ganz im Gegenteil, die Arbeit ist anspruchsvoll und was viel wichtiger ist: Sie macht Spaß.

Die Nikolauspflege kannte ich vom Hörensagen, einen persönlichen Bezug oder Erfahrung im Umgang mit behinderten Menschen hatte ich nicht. Der intensive Kontakt war für mich komplett neu. Entsprechend begann mein Zivildienst mit einigen Unsicherheiten. Glücklicherweise ist man nie alleine mit seinen Fragen und Zweifeln!
Nach der theoretischen Einweisung in meinen Aufgabenbereich ging es auch sofort an die Praxis: Kinder wickeln, wa­schen, Essen geben, spielen, kuscheln … Das alles beherrscht man, mehr oder weniger! Und das „weniger“ legt sich mit der Zeit, denn zum einen lernt man die Kinder kennen, sammelt Erfahrungen, gewinnt Sicherheit und Routine, zum anderen hat man eine Reihe sehr guter Vorbilder, die einem permanent zur Seite stehen.

Da ich während meiner Schulzeit bereits als Aushilfe in der Altenpflege gearbeitet habe, waren pflegerische Tätigkeiten kein Thema für mich. Mein Problem war vielmehr, die Zeichen der Kinder verstehen zu lernen. Keines von ihnen kann sich mitteilen wie ein gesundes Kind. Aber die Behinderung macht sie nicht unfähig, Bedürfnisse, Vorlieben oder auch Abneigung zu zeigen. Je mehr Zeit ich bewusst mit den Kindern verbrachte, desto klarer und vor allem natürlicher wurde ihr Auftreten.

Für mich sind Menschen mit Behinderungen keineswegs andersartig oder gar minderwertig. Und doch war ich überzeugt davon, dass der Umgang mit den Kindern in der Nikolauspflege nicht so funktionieren kann wie mit anderen Kindern. Ich war der Ansicht, dass die Kinder meine Hilfe benötigen, und habe begonnen, selbst die Entscheidungen für das jeweilige Kind zu treffen – weit gefehlt! Zwar nehmen Menschen mit Behinderungen etwas mehr Hilfe in Anspruch und man selbst bekommt scheinbar nicht das Feedback, das gesunde Kinder einem geben können. Jedoch habe ich eines gelernt: Der Schein trügt. Meine Aufgabe besteht nur zum Teil darin, die Grundversorgung der Kinder zu gewährleisten.

Vielmehr geht es darum, das Potenzial der Kinder zu fördern. Und dieser Aspekt gab meiner Arbeit einen völlig neuen Sinn. Vor allem steht nicht das eigene soziale Engagement im Mittelpunkt: Die Kinder sind es, die sich aus eigener Kraft entwickeln müssen. Dieser Prozess ist es, der die Arbeit auf der Wohngruppe für mich so interessant macht! Ein willkommener Bonus ist das positive Feedback, das wir von den Kindern und Eltern erfahren und genießen dürfen.

Fabian Stempfle, Zivildienstleistender im Haus am Dornbuschweg